„Die Situation wird allgemein unterschätzt“. Mit diesem Satz hat Farid Müller, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, auf den Punkt gebracht, warum die Diskussion über „Sexualität im Alter“ erst ganz am Anfang steht. Die gut vierstündige Tagung in der Johanniskirche in Altona machte deutlich, wie vielschichtig das Thema ist. Und vor welchen Herausforderungen die Pflege heute steht.
In ihren Begrüßungsansprachen dankten Imogen Buchholz vom Bezirksamt Altona und Farid Müller Dr. Wilhelm, dem Leiter des Senioren Centrums Altona, für seine Initiative, dieses Projekt auf den Weg zu bringen und die Diskussion über Sexualität im Alter zu eröffnen.
Dass es dabei um weitaus mehr als um Sex geht, machte die Diplom-Psychologin Kirsten von Sydow in ihrem Vortrag gleich zu Beginn deutlich. Rund ein Viertel der älteren Menschen über 60 erlebe überhaupt keine Zärtlichkeit mehr. Sex finde bei den über 60-Jährigen primär in der Partnerschaft statt, doch gerade Frauen leben im Alter sehr häufig allein. Allgemein gelte für diese Generation, dass Sex, Selbstbefriedigung sowie Homosexualität Tabuthemen sind. Viele haben zudem die Moral ihrer Jugend beibehalten. Was dazu führe, dass Probleme nur sehr selten angesprochen werden. Doch Sprechen, so von Sydow, sei die beste Hilfe. Beratung und Therapie würden insbesondere älteren Menschen viel zu selten angeboten. Das Thema Sexualität wird somit im Alter häufig im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen.
Wie lebendig es dennoch ist belegten die zahlreichen Zitate aus der Praxis, die Margret Schleede-Gebert wiedergegeben hat. Die Diplom-Gerontologin lehrt an der Evangelischen Berufsschule für Altenpflege und kennt diverse Situationen die als sexuelle Übergriffe auf das Pflegepersonal zu bezeichnen sind. Da Mitarbeiter in der Pflege „professionelle Grenzverletzer“ sind, ist ihr Wissen über Sexualität im Alter umso wichtiger. Nicht zuletzt, weil die Nähe zu den Menschen und ihrer Intimität auch die eigene Sexualität beeinflussen kann. Trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten, müsse das Recht auf Sexualität auch im Pflegeheim bestehen und Intimität ermöglicht werden, so Schleede-Gebert.
Sex im Alter „als Problem“ zu sehen, bedeutet für Rüdiger Lautmann schon fast einen Fortschritt. Denn über das sexuelle Potenzial, die Wünsche und Aktivitäten alter Menschen werde weder gesprochen noch geforscht. Das Thema würde nicht gezeigt, es sei nicht vorhanden, so der Professor aus Bremen. Diese „Entsexualisierung“ wirke auf die Gestaltung der Lebensverhältnisse und nicht zuletzt auf die Selbstdeutung der Akteure ein. Viele Forschungsaufgaben stünden noch bevor, das Alter ist für den 70-Jährigen ein „unendliches Gestaltungsprojekt“.
Um den Aspekt der gleichgeschlechtlichen Liebe erweiterte Heiko Gerlach den Themenkomplex und sprach von ihrer „Unsichtbarkeit“ in Pflegeeinrichtungen. Sie werde nicht wahrgenommen, so der Altenpfleger, der als Coach in vielen Einrichtungen unterwegs ist und sich für die Umsetzung der Frankfurter Resolution zur Verbesserung der Lebens- und Pflegesituation älterer homosexueller und HIV-infizierter Menschen einsetzt. Hemmschwellen sieht er seitens der Pflegebedürftigen selber sowie auf der Seite der Institutionen und ihrer Mitarbeiter. Heute gehen noch 90 Prozent der Betroffenen davon aus, dass die Einrichtungen ihre Bedürfnisse nicht erfüllen. Ihr eigenes erlerntes Rückzugverhalten, das gerade die Älteren oft ihr Leben lang praktiziert haben, sowie ihnen entgegengebrachte Unwissenheit, Intoleranz und Vorurteile führen dazu, dass sie selten offen schwul oder lesbisch leben können. Allein eine propagierte „Gleichbehandlung aller“ sei nicht der richtige Weg, so Gerlach. Die Schaffung von spezifischen und auch integrativen Angeboten müsse nach der Top-Down-Methode erfolgen, das heißt, die Leitungskräfte tragen die Verantwortung und haben Vorbildfunktion. Nur so könne Vertrauen aufgebaut und das Thema enttabuisiert werden. Dazu gehöre auch das Thematisieren gleichgeschlechtlich liebender Mitarbeiter in einer Einrichtung.
In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen, die Pflegebedürftigen sind in großer Mehrheit weiblich. Dennoch sei ein frauenspezifischer Blick in der Altenpflege nicht vorhanden. Bea Trampenau ist Sozialarbeiterin und arbeitet im Lesbenverein-Intervention Pflege Andersrum. Sie möchte das Bereichernde der Lesben und Schwulen in den Vordergrund stellen und begründet ihre Meinung, ältere heterosexuelle Frauen, die häufig verwitwet und dann erstmals auf sich gestellt sind, könnten gut von Lesben lernen, die meist ein Leben lang selbständig und unabhängig gelebt haben. Bis zu diesem offenen Umgang miteinander ist es noch ein weiter Weg. Heute würde sich kaum eine 80-Jährige selber als Lesbe bezeichnen oder zeigen. Das Stigma der Asozialität, das bis in die 60er/70er Jahre hinein, die öffentliche Meinung prägte, führt bei ihnen noch immer zu Angst vor Diskriminierung.
„Sexualität im Alter“ ist ein Thema, das Wissen und Sensibilität erfordert. Vertrauen zu schaffen und eine zielgruppenspezifische Pflege anzubieten sind Herausforderungen. Im Senioren Centrum Altona steht man mit diesem Projekt noch ganz am Anfang. Die Mitarbeiter haben Schulungen erhalten. Das ist ein erster Schritt. Zum Beispiel, um zu lernen die richtigen Fragen zu stellen. „Sind Sie verheiratet?“ ist eine harmlos klingende Frage, die gleich zu Beginn alles zerstören kann. Um den Pflegebedürftigen gerecht zu werden, sollte Biografiearbeit möglichst immer über offene Fragen erfolgen.
Bei den rund 60 Teilnehmern der Tagung blieb am Ende manche Frage offen. Und das ist als Erfolg zu werten. Die Diskussion kann beginnen.
Senioren Centrum Altona, Thadenstraße 118A, 22767 Hamburg, Telefon (040) 20 22 - 20 24